Aua!

„Aua!“

Sagt man, wenn einem etwas weh tut. So geschehen, als ich unlängst auf diesen Beitrag zur aktuellen (?) Debatte zum Thema „Christsein und Homosexualität“ stieß. Ein von der Internetplattform horeb.world veröffentlichter Dokumentarfilm gibt Einblicke in das Erleben amerikanischer homosexueller Christen und schildert ihren Kampf innerhalb christlicher Gemeinschaften.

Aua!, sage ich, nachdem ich diesen Film gesehen habe. Warum?

Aua! Es schmerzt zu sehen, welcher Häme und welchen Aggressionen homosexuelle Christen in den USA ausgesetzt sind. Dort ersticken Vorurteile und Lieblosigkeit jeden Dialog im Keim und gewaltsame Übergriffe unter dem bigotten Mantel der Frömmigkeit lassen den Zuschauer schaudern und ahnen, dass auch in unserem Land und unter den Christen die Stimme des Gerichts stets lauter gewesen ist als die Stimme der Gnade. Dimitte nobis debita nostra.

Aua! Es schmerzt zu sehen, wie unausgewogen der Film ist. So prangert er auf der einen Seite jeden Versuch seitens christlicher Gemeinschaften an, homosexuell empfindende Menschen zu Veränderung zu ermutigen, verschweigt gleichzeitig aber auch etwaige Wünsche zur Veränderung sexueller Empfindungen, die es bestimmt geben kann und lässt zudem keine Christen zu Wort kommen, die sich in der Frage ihrer sexuellen Neigung verändert haben mögen. So bleibt den konservativ denkenden Christen in diesem Film ausschließlich die Rolle der Täter und Unterdrücker und ich frage mich: Gibt es tatsächlich keine Liebe in den Gemeinden? Diese Vorstellung fällt mir zusehends schwer.

Aua! Es schmerzt mich zu sehen, wie sehr das Ringen um Wahrheit geprägt ist von persönlichen Empfindungen, Wünschen, Sehnsüchten und/oder gesellschaftlichen Trends, was zur Folge hat, dass in dieser so heiß diskutierten Frage von „Christsein und Homosexualität“ niemals Einheit unter Christen erzielt werden kann. Denn letztlich läuft alles auf die alles entscheidende Frage des Textverständnisses hinaus (im Film deutlich zu erkennen bei dem Pastor, der – beunruhigt über seine eigene Sprach- und Hilflosigkeit in diesem Thema- durch Studium antiker Quellen und zeitgenössischer psychologischer Literatur – einen neuen theologischen Weg einschlägt, der ihn letztlich in die Arme seines soeben geouteten Sohnes führt). Und damit lautet die Gretchenfrage tatsächlich, welche autoritative Rolle ich der Bibel in unserer postmodernen Kultur noch zugestehen möchte. Und das führt mich zu meinem letzten und tiefsten Schmerz.

Aua! Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich die Argumentation auf Seiten christlicher LGTB- Vertreter längst ver-selbst-ständigt und damit vom einzig wahren Bezugspunkt – Gott selbst – abgelöst hat. Ich will erklären, was ich damit meine. Unter dem Vorwand, wahrhaft biblisch zu denken (weil kontextuell, historisch-kritisch), stellt man den eigenen Verstand an die oberste Stelle. Gleiches gilt für das eigene Gefühl, das gleichgesetzt wird mit der eigenen Identität („Ich bin so.“) oder für die gesellschaftliche Entwicklung, die als Stärkung empfunden wird für die eigene Meinung („Es ist so.“) Damit dreht sich der (homosexuell empfindende gleichwie jeder andere!) Mensch ausschließlich um sich selbst und geht der ultimativen, weil ewigen Autorität Gottes als vollkommen heiliges Korrektiv verloren. Dieser Verlust der Heiligkeit Gottes, die gleichzeitig vollkommene Faszination für uns Menschen bedeuten könnte, hat schwerwiegende Folgen, weil ich ohne ihre Kenntnis niemals auch nur ansatzweise Kenntnis über mich selbst bekommen kann. In einfachen Worten gesagt: Wenn ich Gott als den Vollkommenen, absolut Unfehlbaren kenne, der sich mir in seinem Wort verständlich durch seinen Geist (und nur dadurch!) offenbart – das ich übrigens für wahrhaft biblisch halte! – stelle ich seine Wahrheit an die oberste Stelle. Weil ich ihn kenne, erfahre ich, wer ich wirklich bin („Ich bin, weil er ist.“) und sehe die Welt mit seinen Augen („Es ist, weil er ist.“). Und dann wird es wirklich spannend: Der Mensch, für den Gott wirklich der vollkommene Schatz ist, der sein Leben um ihn als Zentrum seines kleinen Universums kreisen lässt, wer in ihm seine vollkommene Freude gefunden hat, wer sein Wort kennt, über es nachsinnt Tag und Nacht, sich ausstreckt nach dem, was oben ist, dem gesteckten Ziel nachjagt, also „in Christus“ ist, (Bibelleser kennen diese Stellen) wird nicht unverändert bleiben! Dazu muss ich jedoch bereit sein alles loszulassen, sogar die eigene, selbst-errichtete Identität sterben lassen und begraben (das betrifft uns alle). Dann erst setzt Veränderung ein. Nicht, wenn ich Gott zur Mond meines eigenen Erkenntnisstrahls mache und ihm ein wenig Reflektion zugestehe. Ich habe diese Veränderung Stück für Stück in meinem Leben erfahren (weg aus dem Immer-um-mich-selbst-kreisen-und-im-Mittelpunkt-stehen-oder-künstlerischen-Erfolg-haben-Hamsterrad; weg von der Freude an Bilder mit pornografischem und gewaltverherrlichendem Inhalt; weg von der unendlich langweiligen Diesseitigkeit). Und einzig nur, weil ich IHN kosten durfte. Und seine Heiligkeit. Denn die verändert alles. Fatal, wenn sie verlustig geht.

Aua!

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