Kirche der Stille

Wer Christus sucht, wendet sich ab von allen Versuchen der Selbst-Erlösung, Selbst-Befriedigung und Selbst-Verwirklichung.

Diese Erfahrung dürfte ich vor ein paar Tagen machen, als ich „den Stecker zog“, in den Unplugged-Modus wechselte und für 5 Tage in das Haus von Freunden zog und diese Zeit ohne Buch, Handy, Fernsehen, und Gespräche als eine Zeit des Gebets verbrachte. Nur unterbrochen von einigen Spaziergängen und den Mahlzeiten blieb ich in der Stille und im kontemplativen Gebet. Eine Selbsterfahrung? Ein Test der eigenen Möglichkeiten? Nur am Rande. Im Wesentlichen geht es mir um die Suche nach Christus, dem Verlangen nach seiner Heiligkeit und der Begegnung mit ihm, und der Schönheit der Anbetung. Letztendlich ist alles eine Frage des Seins: Christus ist da, er lebt in mir (Gal. 2,20). Deswegen möchte ich auch da sein, Zeit für IHN haben, IHN hören, IHN sehen. Wenn das sein darf, also, wenn ich wirklich bin, bei, mit und in ihm, dann verändert sich der Blick auf mich und der Blick auf die Welt.

Und doch ist es unmöglich, in Worte zu fassen, was ohne Worte geschieht. Ja, Gott hat mich berührt und verändert. Nein, es war überhaupt nicht immer leicht. Im Gegenteil. Wer mit sich und Gott alleine ist, nimmt wahr, was tief in ihm schlummert, wird demaskiert, entlarvt, überführt und angeklagt, aber auch begnadigt und frei gesprochen. Weil geliebt. Ja, Gott hat zu mir gesprochen, persönlich und konkret aber auch durch sein Wort, das oft „meine Speise gewesen ist“ in diesen Stunden (Jer. 15, 16). Ich hatte in den Wochen davor begonnen, mehrere längere Psalmtexte auswendig zu lernen. Wie glücklich war ich, als sie in den Tagen der Stille wie von selbst in mir zu leben begannen (oder wie heißt es in der Tradition der lectio divina so schön? Ruminatio=wiederkäuen!).

Eine Sache ist aber besonders wichtig geworden: Die Bedeutung der Stille wird in unseren Tagen in der Kirche nicht hoch genug eingeschätzt. Zwar findet man zuhauf ehrenwerte Ratgeber a la „simplify your faith“ und immer mal wieder hört man mahnende Worte von der Kanzel über die Wichtigkeit der so genannten Stillen Zeit. Ein paar Gedanken dazu:

1. Ich wage zu behaupten, dass die meisten Christen ein ernstes Problem damit haben. Zum einen steht die Stille im Verdacht ebenfalls etwas „nützen“ zu müssen, wie wir es aus unserer Gesellschaft inkl. christlicher Programme gewohnt sind. Zum anderen wagen Wenige den Schritt hinzu einer ausführlichen Zeit der Stille innerhalb ihres Tagesablaufs (Motto: Ich hab echt keine Zeit dafür…die Kinder, mein Job, meine Gemeinde…), was auch daran liegt, dass sie schlicht nichts anzufangen wissen damit. Die Stille Zeit wird getimt, in ein Schritte-Programm aufgeteilt, wie die Bibel zu lesen ist, in Instant- und Bible-to-go- Andachtsbüchern zerstückelt, mit Losungen mirakelt oder mit Nutella-für-die-Seele eingekleistert. Die meisten vergessen, dass Paulus‘ Empfehlung in 2. Korinther 3, 18 für eine Verwandlung in das Ebenbild Christi das Betrachen der Herrlichkeit des Sohnes Gottes ist. Diese müssen wir Christen selbst tun und erleben, ich muss seinen Blick selbst aushalten und seine Worte aus seinem Mund hören. Ich kann dies nicht von anderen für mich tun lassen. Gleichzeitig glaube ich, dass diese Erfahrung des Gebets (nicht im Sinne der ausschließlichen Emotionalität, sondern im Sinne einer durch Erfahrung entdeckte und gefestigte Wahrheit des Glaubens) die Keimzelle kraftvollen und leidenschaftlichen Glaubens ist, den wir uns alle so sehr wünschen. Wer betet, ist reif für den Alltag. Wer Zeit für Gott verschenkt hat und seinen Blick und seine Stimme kennt, setzt seine Prioritäten richtig und weiß mit den Blicken und Stimmen dieser Welt umzugehen.

2. Ich wage zu behaupten, dass unsere Kirchen ein ernstes Problem damit haben. Die Stille und damit das Gespür für die Heiligkeit Gottes ist unseren Gemeinden verlustig gegangen. Es herrscht eine seltsame Sprachlosigkeit, wenn es um die persönliche Begegnung mit Jesus geht, die über ein „Jesus liebt dich und vergibt dir deine Schuld“ hinaus gehen soll. Und hierbei unterscheiden sich Landes- von Freikirchen wenig, lediglich der „Klang der Sprachlosigkeit“ ist ein anderer: dort gerne immer noch im Geiste moderner Theologie politisierend, liberal und für Gesellschaft und Individuum letztlich völlig belanglos, hier gerne hip, laut, eventorientiert und mit Konzepten bis zum Scheitel einer Generation der Best Ager, als Marke promotet und im Geist einer „Wir verändern die Welt“- Mentalität. Gott wird zumFeier(t)-Jesus gemacht, zu „mein Kumpel, der Popstar“. Und auch, wenn ich weiß, dass ich an dieser Stelle grob karikiere, meine ich zu erkennen, dass nicht immer die erfolgreiche und laute Kirche die Kirche des Glaubens ist, in welcher die Faszination der schrecklichen Schönheit Gottes und seiner Heiligkeit ein Platz eingeräumt wird. Warum ich das glaube? Weil Erkenntnis von Schönheit und Heiligkeit Zeit, Muße, Bedacht und demnach auch Stille erfordert. Und weil Glaube in seinem tiefsten Wesen ein Mysterium ist. Und kein Event oder Programm. Die Kirche, in welche die Heiligkeit Gottes zurückkehrt, ist eine Kirche von Menschen, die etwas „erlebt haben“ (Rahner). Es ist dies die Kirche, die sich identifiziert durch ihre Intimität mit Christus und die diese Intimität beständig reflektiert und sich ihrer vergewissert. Denn: wer nicht still ist, kann nicht hören. Deswegen sucht diese Stille immer und immer wieder die Betrachtung Christi. Aus ihr heraus erwachsen Gewissheit des Glaubens (Identität), Sprachfähigkeit und Auftrag/Mandat. Unsere Kirchen täten gut daran, die Stille wieder als solche zu entdecken und sich ihrer in Ihrem Wochen/Monats- und Jahresplan zu vergewissern.

Eine Kirche der Stille besteht aus Menschen der Stille. Ich für meinen Teil bin froh, diese Stille im Laufe der letzten Jahre entdeckt zu haben. Und letztlich, so glaube ich, ist auch dies wie so Vieles andere eine Frage der Priorität: welchen Platz räume ich meiner regelmäßigen Psychogenese, also der Gesundheit und Lebendigkeit, der Frische und Wachsamkeit meiner Seele ein? Oder um das Juvenal- Sprichwort im geistlichen Sinne abzuwandeln: In einem gesunden Christen, wohnt ein gesunder Geist.

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