Es lebe das Chaos!

„Die Welt ist im Wandel.“ – Galadriel

Die hingehauchten Worte der Elbenkönigin zu Beginn des Filmes „Der Herr der Ringe“ treffen den Nagel auf den Kopf. Selten habe ich die Veränderungen unserer Welt so deutlich wahrgenommen wie in den vergangenen Monaten. Dabei ist mir klar: Neues gibt es zu allen Zeiten und Neues ist nicht einfach deswegen blöd, weil es neu ist.

Ich bin kein Traditionsfetischist. Deswegen finde ich unsere Zeit auch nicht einfach blöd, sondern beunruhigend. Sie ist für mich ein verwirrendes Spiel der Meinungen und Trends geworden, die einerseits unübersichtlich geworden sind und genau das in mir auslösen: Verwirrung. Andererseits meine ich ein Muster zu erkennen, das mich beunruhigt: Verwirrung. Das Ziel scheint hierbei die Methode zu sein. Der Effekt liegt auf der Hand. Verwirrte Menschen sind ängstliche Menschen und damit leicht zu beeinflussen. Und dabei denke ich jetzt nicht zuerst an Corona.

Ich glaube, der Schaden ist größer und das Verwirrtheits-Geschwür hat längst auf andere Gesellschaftsbereiche übergegriffen. Deswegen seien einige Punkte kurz skizziert.

I Die Verwirrung der Sprache

Es beunruhigt mich, dass ehemals klare Begriffe unscharf geworden sind. „Rechts“, „links“, „Wahrheit“, „Lüge“, „Toleranz“, „liberal“, „konservativ“…. die Liste ließe sich beliebig fortführen. Begriffe werden enggeführt oder vereinnahmt und positiv wie negativ eingefärbt. Man kann entgegnen, dass sich Sprache schon immer verändert habe. Neu ist jedoch, dass mit der Kaperung der Begriffe gleichzeitig die Dialogfähigkeit schwindet. Wer will schon mit einem Gesprächspartner kommunizieren, der bereits im Vorfeld als „konservativer Evangelikaler“ abgestempelt wurde? Dieses Framing führt dazu, dass ganzen Gruppen die Teilnahme an gesellschaftlichen Dialogen vorenthalten wird (1). Ich halte das weder für redlich noch für nützlich für unsere Gesellschaft. Stattdessen verwirrt es mich, denn natürlich frage auch ich mich:

Was darf wann und wo in welchem Kontext noch gesagt werden?

II Die Verwirrung der Identitäten

Das Zeitalter von Social Media ist die Epoche der exhibitionistischen Darstellung der Identitäten. Wer bin ich? Was habe ich? Was mache ich? Dabei nehmen die entsprechenden Plattformen viel weniger die Rolle eines Informationsdienstleisters ein, sondern vielmehr die einer Kommunikationsmöglichkeit und eines Jahrmarktes der Eitelkeiten. Narziss goes www. Nie war die Frage deutlicher zu vernehmen: Wer bin ich eigentlich? An dieser Stelle hat die Gendertheorie in den letzten Jahren enormen Einfluss genommen und eine Antwort auf die Identitätsfrage in etwa wie folgt gegeben: Du bist, wonach du dich fühlst und dein Glück wird allein davon bestimmt, was du für dich als Glücksbringer erachtest (2). Es ist dies die Maxime eines persönlichen Freiheitsbegriffes, der das Individuum vor unbegrenzte Möglichkeiten stellt und dabei jede normative Ebene leugnet. Das Ergebnis ist der verwirrte Mensch am Ufer eines endlosen Ozeans der Möglichkeiten, dem der Kompass aus der Hand genommen wurde mit den Worten: „Den brauchst du jetzt nicht mehr.“ Die Ablehnung normativer Prinzipien im Namen der Freiheit führt jedoch in die Orientierungslosigkeit des menschlichen Selbsts. Dies ist vergleichbar mit der musikalischen Orientierungslosigkeit, wie sie der Avantgardist Arnold Schönberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach der Auflösung der Tonalität erlebte und die ihn zur Entwicklung der 12Ton- Methode aus einer „musikalischen Notwendigkeit“ (3) heraus trieb. Und selbst dieses neue Ordnungssystem blieb die Spielerei eines intellektuell anspruchsvollen Publikums.

Zurück zur Identität:

Wo der Mensch alleine entscheiden darf, findet er auch nur das: sich selbst. Nicht weniger, aber leider auch nicht mehr.

Die Wunde im Herzen der Menschheit zeigt jedoch, dass dies nicht ausreicht, um glücklich zu werden.

II Die Leugnung des Absoluten

Eine Gesellschaft, die sich weigert, anzuerkennen, dass es ein Richtig und ein Falsch, ein Gut und ein Böse gibt, und dass diese Werte von außen an sie herangetragen werden, stattdessen die Moraldefinition ins Belieben der Menschen stellt, ist nur scheinbar aufgeklärt und freiheitlich. Vor allem ist sie es dann nicht, wenn sie abweichende, scheinbar überkommene Meinungen als intolerant abwertet und aus dem öffentlichen Diskurs verbannt. Die letzten Monate haben gezeigt: Was nicht sein darf, darf nicht geäußert werden. Eine freiheitlich gesinnte Gesellschaft hat jedoch genau das auszuhalten: Meinungen aufgrund ihrer Argumente anzuhören und in Beziehung zueinander zu setzen. Längst hat sich das Bewusstsein aus unseren Köpfen verabschiedet, dass es so etwas wie das Absolute (oder die Norm, oder Gott) überhaupt geben könnte. Der Individualismus hat ganze Arbeit geleistet! Gut ist, was (mir) gerade passt und (mir) nützt. An das „große Ganze“ glaubt längst keiner mehr. Allenfalls an das Gute im Menschen. Der Glaube an das Absolute scheint die Beschneidung der individuellen Freiheit zur Folge zu haben. Letztlich ist dies eine anthroposophische Frage.

Mir scheint, dass wir in einer Zeit leben, die überdeutlich einmal mehr die Frage stellt: „Gibt es einen Gott?“, und gleichzeitig laut hinausschreit: „Es muss!“ Es verwirrt mich, dass die Verunsicherung mit Händen zu greifen ist und dazu im Namen des Fortschritts willkommen geheißen wird. Dabei bin ich überzeugt, dass wir Gott brauchen, um Mensch zu sein.

Ich bin überzeugt, dass wir Gott brauchen, um Mensch zu sein.

Die Lösung für ein sinnvolles, erfülltes Leben liegt nicht in menschlichen Händen, dem Individualismus, der Identitätspolitik, der Regenbogen-Agenda, sondern „unter den ewigen Armen“ (5. Mose 33, 27). Aus der Anerkennung von Gottes Absolutheit (oder was man auch Heiligkeit nennt) entwickelt sich ein leidenschaftliches Leben in der Umsetzung dessen, was man im Angesicht Gottes erkannt hat (oder was man auch Nachfolge nennt). Dies geschieht durch die Meditation der Bibel und das Gebet unter der Wirkung des Heiligen Geistes. 
Leben in verwirrenden Zeiten ist möglich. Klarheit ebenso. Doch dazu bedarf es einer Wiederentdeckung der Wahrheit.


(1) Wertvolle Hinweise über den nicht mehr stattfinden innergesellschaftlichen und wissenschaftlichen Dialog finden sich in dem Buch von Prof. Ralf B. Bergmann: Die freie Gesellschaft und ihre Feinde, Professorenforum, Stuttgart 2021

(2) Eine übersichtliche Darstellung der Geschichte und Inhalte der Gendertheorie findet sich bei Sharon James: Der. Die. Was?, CLV, Bielefeld 2021

(3) Arnold Schönberg: Stil und Gedanke, Fischer-Verlag, Frankfurt 1992

Bildrechte: https://unsplash.com/photos/XRNSn4gt8Hs?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=cre

3 Kommentare zu „Es lebe das Chaos!

Gib deinen ab

Schreibe eine Antwort zu Norbert Laffin Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: