Die Kirche ist tot. Es lebe die Kirche!*

Der Kirchentag ist vorüber. Grün, wohin das Auge sieht. Schals, wohlgemerkt. Und eine „Gurkentruppe“ als Nachfolger Christi. Laut Pfarrerin Sandra Bils. Glaube, Liebe, Currywurst. Na dann: Guten Appetit! (1)
Radio Bremen stellt eine Befragung über Kirchens an. Aus gutem Grund, weil der Kirche die Menschen weglaufen. Nicht nur in Bremen, da waren es vor 10 Jahren noch 40.000 Mitglieder mehr. Und das Ergebnis? Von 763 Umfrageteilnehmern nennen nur 53 in Zusammenhang mit der Kirche „Gott“. „Missbrauch“ wird von 40 Personen genannt. (2) Miss..t , da war ja was….
Gleichzeitig kommen Zehntausende in der Wiener Stadthalle zu einem Gebets- und Evangelisationstreffen zusammen. Sogar der Altkanzler lässt sich blicken und der Shitstorm nicht lange auf sich warten. Konservativer Glaube und Politik wird zu gerne ausgebuht. Und so mancher bleibt offenen Mundes stehen und fragt sich: Wie um alles in der Welt kriegen Freikirchen das hin? Volle Hallen in Zeiten allgemeinen Schwundes-  das müssen doch Sekten sein!
A propos Freikirchen. Ja, da gibt´s hochreligiöse Jugendliche, eine ganze Generation davon. Sie lieben Lobpreis (mehr als Gebet und Bibel) und deren theologische Bilder werden stark von Liedern geprägt. Eine echte Emotionalisierung des Glaubens (3)? Manipulation? Ich wusste es. 

Täuscht mich mein Eindruck oder erlebe ich in den letzten Jahren eine immer deutlicher spürbare Auflösung dessen, was ich lange als Kirche wahrgenommen habe? Die Kampfplätze sind Legion: innerhalb von Kirchen und Freikirchen und zwischen Gesellschaft und Kirche. Und ich merke, es geht im Kern um die Glaubwürdigkeit dessen, was Leib Christi ist. Gurkentruppe oder Heilige?
In mir macht sich Traurigkeit breit, weil ich um die alles verändernde Faszination Gottes in meinem Leben weiß, und sehe, wie Kirche an vielen Stellen so mit sich selbst beschäftigt ist, dass sie kein Auge mehr hat für diesen Gott. Diese Kirche ist tot.

In mir macht sich aber auch Hoffnung breit, weil ich erkenne, dass immer mehr Menschen beginnen, der leisen Sehnsucht in ihrem Herzen nachzugehen um Gott wieder neu zu suchen. Da beginnt Aufbruch, so wie jede Reise mit einem Fernweh beginnt. Es gibt sie, die Einzelnen und die Gemeinschaften, die Gott auf radikale Weise nachjagen und bereit sind, ihn ganz haben zu wollen. Und dies sind plötzlich die gefährlich Attraktiven: Sie wollen ihn LIEBEN. Aber bevor sie ihn lieben, müssen sie ihn KENNEN. Und damit sie ihn kennen, wollen sie sich ihm oft ZUWENDEN, ihn betrachten. Dann wird ihr Herz da zu finden sein, wo ihr Schatz ist (4). Diese Menschen sind für mich die Hoffnung, weil Christus in ihnen lebt. Lang lebe diese Kirche!   

In einer Zeit, in der Volkskirchen in voller Fahrt Richtung Bedeutungslosigkeit rauschen und Freikirchen sich zwischen liberaler Korrosion und gesellschaftlichem Mainstream aufzureiben drohen, liegt die Hoffnung des Leibes Christi genau da: In Christus selbst.

„Es gibt genau eins, das attraktiv an Kirche ist: die Gegenwart Jesu. Wo tatsächlich sein Wort geglaubt, gebetet, gefastet und seiner Kraft konkret vertraut wird, ist auch Kraft da.
Wo das Evangelium durch politisch nette Gemeinplätze ersetzt wird, die niemandem wehtun, wo nicht gebetet wird, wo nicht mehr an Wunder geglaubt wird, wo für keine klare biblische Botschaft mehr eingestanden wird, muss man sich nicht wundern, wenn keine Kraft mehr spürbar ist.“ (5)

Deswegen ist es spannend zu beobachten, wie überall auf der Welt Gemeinschaften erstarken, die Gebet (neu) entdecken. Dabei kommt es weniger auf die Form als auf den Inhalt an. Diese Gemeinschaften wissen nicht nur, dass beten gut tut. Sie tun es- und manchmal in besonders radikaler Weise. Dabei erleben sie die oben beschriebene und alles verändernde Faszination Gottes. Und dies wiederum treibt sie an zu Evangelisation und  Diakonie. Und ganz selbstverständlich werden aus Betern allmählich Missionare und Sozialarbeiter und Kirche beginnt wieder zu leben. Nicht als Gurkentruppe, sondern als Miterben Christi und Gottes Hausgenossen, als Menschen, die den Zugang zum Heiligtum kennen und in Freimut hinzutreten (Hebräer 4). Diese Gemeinschaften bilden ein prophetisches Zeichen in unserer Zeit – als eine Art moderne Klöster – um hinzuweisen auf einen Leben, das vom Innen ins Außen orientiert ist. So bin ich überzeugt, „dass die Zukunft der Kirche in den Klöstern liegt, denn wo Gebet ist, da ist die Zukunft.“ (6)

 

* Mit dem Satz „Der König ist tot, lang lebe der König!“ wurde im monarchistischen Frankreich der Tod des alten und die Bekanntgabe des neuen Königs bekannt gegeben. Heute wird die Redewendung verwendet, um ungebrochene Kontinuität auszudrücken. (https://de.wikipedia.org/wiki/Le_roi_est_mort,_vive_le_roi)

(1) https://www.youtube.com/watch?v=GbAOuZhQ0Fg

(2) https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/kirche-austritt-meinungsmelder-bremen-100.html

(3) http://tobiasfaix.de/2018/10/generation-lobpreis-ueber-die-emotionalisierung-des-glaubens-erste-ergebnisse-der-empirica-jugendstudie-2018/

(4) Bruder Lorenz: „Leben in Gottes Gegenwart“, teamwork GmbH, Eggenstein 2005 

(5) Johannes Hartl auf http://www.kath.net/news/68318

(6) Kardinal Robert Sarah, zitiert nach: Rod Dreher: „Die Benedikt-Option“, fe- Medienverlag Kißlegg 2019

Bildnachweis: privat Laffin

 

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