Die Stillen im Lande

6 Gründe, für geistliche Leiter zu beten

In der Monographie „Der Soldatenkönig und die Stillen im Lande“ (1938) skizziert Jochen Klepper die Zusammentreffen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. mit frommen Männern wie Francke, Freylinghausen oder Zinzendorf, bei welchen er ein „tätiges Christentum“ zu finden hoffte. Gerne umgab er sich mit denjenigen, die als die sogenannten Stillen im Lande „in die „offenen Mauerlücken des Landes ihr Gebet zu werfen hatten.“ Gemäß Klepper umgab sich der Herrscher in späteren Jahren mit diesen Menschen wie anfangs mit Offizieren, Baumeistern oder Kammerdirektoren, um „Allianzen mit Gott“ zu schmieden. Was sich wie ein interessantes Porträt eines zwischen Frömmigkeit und Herrschsucht hin- und hergerissenen Königs ausmacht, wurde für mich zur Fortsetzung der Gedanken über Jonathan Edwards und der von mir aus seinen Religious Affections hergeleiteten Anforderungen für die Kirche von heute und gleichzeitig ein Ansporn, Vorschläge zur Umsetzung meiner Forderungen zu formulieren. Das innere Leben eines Menschen, der fasziniert ist von der Heiligkeit Gottes, ist gekennzeichnet durch ein reiches Gebetsleben und der Freude an der Gegenwart Gottes. Gleichzeitig erwacht in ihm der Hunger nach einer Umgebung, welche diese Freude an göttlichen Dingen teilt und er leidet an seiner Gemeinde, wenn er diesen nicht vorfindet. Deswegen erwächst in ihm das Bedürfnis, für seine Gemeinde respektive ihrer geistlichen Leiter zu beten. Nicht aus der Absicht heraus, dass alle so werden wie er selbst, sondern weil er überzeugt davon ist, dass der geistliche Dienst die Verkostung geistlicher Dinge als Quelle der Inspiration dringend bedarf. Und so ist es ein Gebot der Stunde, dass Christen nicht zuerst über ihre Gemeinden und deren Leiter stöhnen, sondern den geistlichen Kampf auf den Knien beginnen und für sie eintreten in Anbetung und Fürbitte. Denn Gebet für geistliche Leiter

  1. ist biblisch. An verschiedenen Stellen bittet Paulus um Gebetsunterstützung bei den Menschen, an die er seine Briefe adressiert hat (1. Thess. 5, 25; Epheser 6, 18; Kolosses 4, 3). Selbst Jesus bittet in seiner schwersten Stunde um Unterstützung seiner Freunde durch Beten und Wachen (Mt. 26, 40). Christen befinden sich in einer guten Tradition, wenn sie ihre geistlichen Leiter regelmäßig in die Fürbitte mit einschließen.
  2. ist strategisch. In 2. Thess. 3, 1 schildert Paulus ein konkretes Ziel der Fürbitte für seinen Dienst: Die Verbreitung und Verherrlichung des Wortes Gottes. Wer für geistliche Leiter betet, trägt maßgeblich dazu bei, dass sich göttliche Pläne erfüllen und sich seine Herrlichkeit ausbreitet. 
  3. macht das Herz weich. Fürbittern ist es unmöglich, ein verhärtetes Herz zu haben oder Groll zu hegen. Denn wie bleibt Hartherzigkeit gegenüber dem, den man regelmäßig vor den Thron des Allerhöchsten bringt? Im Angesicht Gottes und durch das Wirken des Heiligen Geistes werden wir verändert in sein Bild und seine Herrlichkeit (2. Kor. 3, 18) und damit wird unser Herz weich vor Mitgefühl und Empathie. Gleiches gilt für die Haltung gegenüber verlorenen Menschen. Fürbitter haben immer ein Herz für Evangelisation und einmal mehr erweisen sich Gebet und Mission als zwei Seiten derselben Medaille.
  4. fördert Identifikation. Beter wissen um die Einheit mit anderen Betern weltweit. Sie sind nie allein. Und darüber hinaus wird der Gegenstand ihrer Fürbitte zu ihrem eigenen, selbst wenn sie nicht vor Ort sind. Wer betet, wird Teil der Person oder des Werkes, für welches er betet. Er tritt in den Riss der „offenen Mauerlücken“ und wird zu einem Stellvertreter vor dem Thron Gottes, den er mit Zuversicht aufsucht (Hebr. 4, 16). Überflüssig zu betonen, welchen Wert demnach die Fürbitte für die eigene Gemeinde und deren Leiter für jeden Beter ganz persönlich hat.
  5. ist notwendig, weil Leiter besondere Aufgaben haben. Als die Anforderungen an die Leiter der ersten Gemeinden wuchsen (Apg. 6), entschlossen sie sich, Aufgaben an Mitarbeiter (Diakone) zu delegieren, um sich selbst auf ihre angestammten Aufgaben konzentrieren zu können: Lehre und Gebet. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Zeit heute Pastoren überhaupt noch dafür zu haben scheinen, da sie vor einer Fülle organisatorischer, planerischer und beziehungsorientierter Aufgaben stehen. Und hier bewahrheitet sich einmal der Satz: Das Gute ist der Feind des Besten. Vieles von dem, was Christen tun, ist per se nicht schlecht. Es ist sinnvoll, teilweise auch notwendig. Aber es gibt neben alledem auch das Beste: die Suche nach der Gegenwart Gottes. Nicht umsonst adelt Jesus Maria mit den Worten, sie habe das „gute Teil“ erwählt (Lukas 10, 42). Vieles von dem, was Pastoren tun, ist ebenfalls nicht per se schlecht. Doch leidet unter dem Guten nicht zu selten auch das Beste! Dieser Gefahr sahen sich die Gemeindeleiter des Neuen Testaments ausgesetzt und beschlossen, sich wieder auf dass Beste zu konzentrieren (Apg. 6,4). Das heißt, dass die primären Aufgaben eines geistlichen Leiters Lehre und Gebet sind. Hierfür sollten sie freigestellt werden und hierfür benötigen sie die Unterstützung im Gebet, damit ihre Herzen gestärkt werden und sie zur Erkenntnis des Reichtums der Fülle Gottes gelangen (Kor. 2,2).   
  6. ist notwendig, weil Leiter besonderen Anforderungen ausgesetzt sind. Nehmen sie ihre Aufgaben ernst, sind unsere Leiter geistliche Kämpfer, die den Kurs Gottes für ihre Gemeinde zu erfahren und umzusetzen suchen. Dabei sind sie häufig Einsamkeit ausgesetzt, denn selten haben sie Menschen, denen sie im Vertrauen und ohne Ansehen der Person auf Augenhöhe begegnen können. Hier sind sie oftmals gefährdet von Stolz, weil geistliche Leiter manchmal die Notwendigkeit ihrer eigenen geistlichen Psychohygiene unterschätzen, sich zum anderen die Nicht-Profis durch ein falsch verstandenes Demutsbewusstein kaum in der Lage sehen, Hilfe und Beistand für einen Leiter zu sein. Fatal wird es, wenn Leiter ihre eigene Stärke überschätzen und den regelmäßigen Austausch mit Mentoren, Beobachtern, Fürbittern und Kritikern aus dem Weg gehen. Geistliche Leiter sehen sich häufig auch unter Rechtfertigungszwang, da sie den von ihnen vorgegeben Kurs gegenüber den Unwilligen oder Unverständigen begründen müssen. Gleichzeitig stehen sie auch immer wieder vor wichtigen Entscheidungen, die sie manchmal auch alleine treffen müssen. Gründe genug, um diesen Anforderungen in der Fürbitte zu begegnen.Manchmal erfasst mich eine heilige Unruhe und ich werde getrieben von der Leidenschaft, einzuladen, dass die Christen ihrer Berufung als „Wächter auf den Mauern“ (Jes. 62,6) folgen. Verbitterung und Hader mit den Umständen sind niemals hilfreich, sondern es ist wichtig, dass negative Gefühle gegenüber Gemeinde, Land und Gesellschaft und deren Leiter uns an den Ort führen, von dem es heißt, dass bei ihm alleinige Zuflucht ist: unter den ewigen Armen Gottes (5. Mose 33, 27). Und so ziehe ich meinen Hut vor den Stillen im Lande, die für mich die Säulen der Gemeinde darstellen, weil sie wie mit Worten Freylinghausens zum König sprechen: „Ich antwortete, wie ich allein auf den lebenden Gott sähe und mich anreiben ließe, desto mehr für den Kronprinzen zu beten.“

Bildrechte: © Ahmed Rizkhaan; https://unsplash.com/photos/NqgDRDuLTdM

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