Hände hoch?!

„Es gibt einen Gott, und du bist es nicht.“ Mit dieser Aussage startete vergangenen Sonntag in unserer Gemeinde eine Predigtreihe über die Herrlichkeit Gottes. Was für ein Auftakt in das Jahr 2017! Ein Motivationsschub für meine Nachfolge. Benzin im Tank. Ein klares Ziel. Und doch gibt es diese Momente des Schmerzes in meinem Alltag, die in den letzten Wochen immer wieder durch Gespräche mit Christen ausgelöst wurden, wenn wir uns über die Praxis der Anbetung und/oder persönliche Frömmigkeitsformen unterhalten haben.

Unverständnis wurde geäußert über die Texte von Lobpreisliedern; der Kopf wurde geschüttelt über die Praxis, die Hände bei Gebet und Lobpreis zu heben; Gesetzlichkeit vermutet beim regelmäßigen Fasten. Kurz: der Geist des Schwärmertums etikettiert bei meiner Suche nach authentischem Glauben. Diese Gespräche hinterließen bei mir grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Ernsthaftigkeit, mit der in unseren Gemeinden persönliche Nachfolge geschieht und der Wichtigkeit des Wunsches: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“ Wer will das wirklich? Und: Was bin ich bereit, dafür zu geben? Kann es sein, dass ich dabei nichts weniger aufgeben muss, als mich selbst?Hände

Exkurs: Ich komme aus einem landeskirchlichen Hintergrund und bin im schwäbischen Pietismus zum Glauben gekommen. Danke dafür! Klar ist aber auch: nichts lag mir in meiner christlichen Sozialisation vor 25 Jahren ferner als ein Schwärmer-Gen! Ich wollte partout nichts mit Charismatikern zu tun haben! Pfingstler, die katholische Kirche, ja beinahe alles außerhalb meines pietistischen Horizontes galt für mich als die „Hure Babylon“. Hände heben? Auf keinen Fall! Sprachengebet? Von unten! Ökumene? Ganz schlecht! Erst im Laufe der Jahre bemerkte ich, dass es jedoch auch in meiner Gemeinde eine einseitige Lehre gab. So beschränkte man sich auf die ständige Wiederholung derselben Kernthemen: Sündhaftigkeit des Menschen, persönliche Buße und Erlösung durch Jesus Christus sowie der anschließende Apell, doch bitteschön jetzt Salz und Licht in dieser Welt zu sein. Und wie oft hatte ich es versucht, wie oft bin ich gescheitert. Wie oft war ich weit entfernt von einem Leben der Heiligung. Und warum? Weil die innere Motivation eine falsche war, denn sie war nicht getränkt von der Liebe und der Faszination zu meinem Gott, sondern beschränkte sich auf das Befolgen von Predigtappellen. Ich war zwar bekehrt. Ich war erlöst. Mir war vergeben. Aber ich liebte nicht. Mein Glaube hatte meinen Verstand aber noch nicht mein Herz gepackt. Und das war das Problem.

Mittlerweile weiß ich: Menschen, die Jesus kennen- ich meine richtig kennen, nicht nur über ihn Bescheid wissen- sind Menschen, die wirklich lieben. Es sind Menschen, die seine Herrlichkeit suchen und finden. Für sie stellt sich die Frage nach „links“ oder „rechts“ des christlichen Lagers nicht. Ihnen ist es egal, was Andere von ihnen denken, wenn sie die Hände zum Gebet heben oder sich hinknien. Warum? Weil das Gebet die Zeit für und mit ihrem geliebten Jesus ist. Weil sie erkannt haben, dass er Gott ist und nicht sie. Weil sie ihm auf diese Weise ihre Ehrfurcht, ihre Leidenschaft und ihre Sehnsucht entgegenstrecken, wenn sie die Arme heben oder ihm ihre Demut ausdrücken, wenn sie sich hinknien. Ich hab verstanden: Wenn ich dem Höchsten meine Ehrerbietung entgegenbringe, ist es für mich nicht egal, was ich dabei mit meinem Körper tue. In anderen Bereichen nutze ich Gestik und Mimik gezielt, um etwas deutlich zu machen- bei meinen Kindern, in meinen Schulklassen, beim Sport, beim Public Viewing, im Konzert, beim Tanz…in meiner Ehe. Ich gehe als Christ selbstverständlich von der Existenz einer unsichtbaren Realität aus (sonst würde ich ja nicht an Gott glauben, logisch!). Deswegen verhalte ich mich in meinen Gebeten entsprechend. Ich bete mit erhobenen Händen, im Stehen, im Gehen, im Knien und drücke damit meine Worte körperlich aus. Und ich merke, wie es mich verändert. Worte und Taten werden eins. Manchmal beobachte ich meine Gemeinde während der Lobpreiszeiten mit geschlossenen Augen „von oben“ und sehe „hingegebene Jünger Jesu“ ohne sichtbare Hingabe beim Gebet. Klar weiß ich, dass es auf das Herz ankommt…seltsam nur, dass das, was im Herzen zu sein scheint, nicht nach außen dringt. Vielleicht trifft es ja zu, dass wir sind, was wir beten oder dass wir beten, wie wir sind. Gruselige Vorstellung: Das Gebet als Spiegel meines Herzens und meiner Seele.

Ach ja, und dann gibt es noch diese Argumente: „Ich kann beim Lobpreis die Hände nicht heben, wenn mir nicht danach zumute ist“, „Ich bin nicht der Typ dazu.“ Komisch, dass wir so viele von diesen Typen, die so sind, in unseren Gemeinden haben. Es geht mir nicht um den „Aufkleber charismatisch“. Gläubige haben zu allen Zeit und in allen Religionen die Hände auch beim Gebet gehoben. Es ist dies die natürliche Reaktion des Menschen auf die Erkenntnis, dass „es Gott gibt und er es nicht ist.“ Entscheidend ist nicht das Etikett (ob charismatisch oder nicht), sondern der Inhalt meines Gebets und die Einstellung, mit der ich bete. Komisch auch, dass wir unser Gebet und/oder die Einstellung dazu abhängig davon machen, ob mit gerade danach zumute ist. Am liebsten würde ich es rausschreien: ES IST EGAL, OB DIR DANACH ZUMUTE IST! Gott ist Gott und ich ENTSCHEIDE mich, ihn anzubeten, egal wie´s mir geht! Einfach nur, weil ER ES WERT IST!

Ganz nebenbei fordert uns die Bibel sogar dazu auf, beim Gebet die Hände zu heben (Klagelieder 3,41; 1. Tim. 2,8).

Ein weiterer „Störfaktor“ heutiger Lobpreiszeiten sind Wiederholungen und angeblich inhaltlich flache Texte. Nur damit etwas klar ist: Ich bin sehr für gute Texte und ich bin überzeugt davon, dass gute Lobpreistexte selten sind. Es gibt sie jedoch. Und sie sind für mich immer dann gut, wenn sie Wahrheiten der Bibel aufgreifen. Vielleicht greifen sie nur 1-2 Wahrheiten auf und nicht 12-16 wie in Paul Gerhardts Chorälen, das mag sein. Entscheidend ist für mich jedoch, wie ich mit diesen Wahrheiten umgehen und ob ich sie zu meinen Wahrheiten mache, die ich Gott vorhalte, ihm zurückbete und ihm zusinge. Da stören mich Wiederholungen nicht, weil ich möchte, dass diese Wahrheiten auch mein Herz erreichen und darin Wurzeln schlagen. Angst vor der Manipulation habe ich nicht, denn ich habe beim Lobpreis nicht meinen Verstand ausgeknipst, sondern bin höchst aktiv dabei, stimme zu, zweifle an, formuliere in musikalischen Zwischenspielen eigene Gebete, notiere mir Bibelstellen oder Textzeilen in mein Gebetstagebuch und bin erstaunt, welchen Reichtum die Wahrheit des Wortes Gottes in meinem Herzen entwickelt. Und ganz nebenbei erlebe ich dadurch die Herrlichkeit Gottes… Angst, in die „falsche Spur“ zu geraten, habe ich nicht, nein. Manipulation kann erkannt werden. Doch ich bin froh um alles, was mich in meiner Liebe zu Jesus stärkt, motiviert, voranbringt. Und Liebe zu Jesus hat eben auch etwas mit meinem Gefühl zu tun. Deswegen heißt es „Liebe“, glaube ich…

Und dann gibt es noch dieses Argument: „Ich kann mich nicht darauf einlassen, Texte zu singen, die ich nicht meine, z.B. „Jesus, ich geb mich dir ganz hin“ oder „Ich will nur dich…“. Ich will ja kein Lippenbekenntnis ablegen. Das Problem bei Lippenbekenntnissen sind meines Erachtens nach selten die Bekenntnisse, sondern die Lippen, die sie ablegen. Ich habe dann wirklich Zweifel an der Echtheit des Glaubens, ja an der Echtheit der Nachfolge. Die Bibel verwendet genauso diese Formulierungen (Ps. 42,3; 63,2; Ps. 143,6: „Ich breite meine Hände aus zu dir, meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.“ Da waren auch wieder die Hände…) und fordert uns auf, uns mit ganzer Kraft auf Gott auszurichten und ihm nachzujagen (Ph. 3,12ff). Wer meint, dies nicht zu wollen oder zu können, sollte m.E. seinen Glauben grundsätzlich überprüfen und aus einem Lippenbekenntnis ein Herzensbekenntnis machen.

Fazit: Der Tag, an welchem ich begonnen habe, meine Hände beim Gebet zu heben, war ein guter Tag! Ganz allmählich haben Herz und Hand, Verstand und Gefühl in meinem Glauben begonnen, im Team zu spielen. Auch mein Herz und meine Hände haben verstand-en: „Es gibt einen Gott, und wir sind es nicht.“

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