Jesus mehr lieben (1)

Ich habe ein Ziel für 2017: Ich möchte Jesus 2017 mehr lieben als 2016.

Dafür bin ich bereit einen Weg zu gehen, der weh tut. Er kostet mich etwas. Warum? Ich ahne, dass mein Glaube an Gott wachsen kann, ja, dass ich in meinem Menschsein dazu bestimmt bin, in der Liebe zu meinem Schöpfer und der Hingabe an Jesus zuzunehmen.

Zuviel habe ich in den letzen Jahren im Gebet erlebt, zuviele Predigten gehört, Bücher und Blogs gelesen, zuviele Menschen gesprochen, die dieses Wachstum erlebt haben und deren Leben eine einzige Hingabe an ihren Gott sind. Diese Menschen sind für mich die wahren Helden, weil sie Gott mit Leidenschaft suchen. Das macht sie für mich gefährlich attraktiv. Und dann ist da noch dies: Ich begegne Gott im Gebet, immer wieder, immer öfter…jedoch nicht genug. Zu häufig ist mein Glaube abhängig von meiner Befindlichkeit oder der Situation um mich herum. Zu oft ist mein Gebet wenig konzentriert und meine Liebe lau. Zu oft tragen mich die Gedanken an gestern oder die Sorgen vor morgen durch meinen Tag und die Stimmen in meinem Kopf sind lauter als das Reden Gottes. Ich will das nicht. ES MUSS MEHR GEBEN! Und dieses MEHR möchte ich finden. Deswegen habe ich mit einem Experiment begonnen. Konkret begann es vor zwei Wochen, am 19. Dezember, fünf Tage vor Weihnachten.

Vor einigen Monaten fiel mir das Buch von Franz Jalics in die Hände „Kontemplative Exerzitien“, ein dicker Wälzer von mehreren hundert Seiten, der eine ungewisse Faszination auf mich ausübte. Über mehrere Wochen wird ein Weg beschrieben, der sonst nur Teilnehmern von Schweigeexertizien vorbehalten ist und der eine Hinführung zu einem inneren, anhaltenden und konzentrierten Gebet darstellt. Es ist ein langer und mühsamer Weg, aber ich habe für mich beschlossen, ihn zu gehen. Meine Erfahrungen möchte ich gerne aufschreiben, in der Hoffnung, dass sie Anderen helfen, in der Nachfolge zu wachsen und den Wunsch aufbringen, im Gebet gestärkt zu werden, von dem ich glaube, dass es der Schlüssel ist zu einem erfüllten christlichen Leben in der bewussten Gegenwart Jesu und zu einem leidenschaftlichen Zeugnis für unsere verlorene Welt.

Aber es gilt noch ein paar Vorbemerkungen zu machen: Das innere, kontemplative Gebet ist nicht die einzige Gebetsform, die ich schätze (übrigens natürlich auch nicht die einzige biblische Gebetsform!). Ich liebe die Anbetung Gottes mit Musik, ich schätze das Nachsinnen über und Beten von Bibeltexten und ich verbringe gerne Zeit auf den Knien in der Fürbitte. Aber die für mich am deutlichsten spürbare Veränderung meines inneren Menschen erlebe ich im bloßen Anschauen Gottes und im Verweilen in seiner Gegenwart. Diesen inneren Menschen möchte ich gerne stärken. Dazu dienen die folgenden Zeilen.

Gott ist da. Diese Wahrheit kenne ich und ich erlebe sie im Gebet. Mein Problem ist jedoch, dass es mir schwerfällt, selbst da zu sein. Ich bin es nämlich oft nicht, weil meine Gedanken noch im Gestern sind oder schon im Morgen und weil die inneren Stimmen sehr laut sind. Wird alles um mich still und ich selbst auch, explodiert in meinem Kopf ein Feuerwerk der Gedanken. So Vieles ist noch zu tun, an so Vieles zu denken…dieses…jenes…hier…dort. Eine Mühle, die sich wie von selbst immer weiter dreht und mir ein hingegebenes und konzentriertes Gebet gründlich verhagelt. Aus diesem Grund sieht mein erster Schritt so aus: Ich möchte mehr darüber lernen, im Hier und Jetzt zu sein, das bedeutet, die Wahrnehmung zu stärken. Dafür gehe ich für zwei Wochen jeden Morgen für eine Stunde in die Natur hinaus. Für mich beginnt dieser Schritt um 4.45 Uhr. Mein Tag ist voll und laut. Ich habe viel zu tun und die Familie fordert meine Aufmerksamkeit. Deswegen brauche ich die Zeit am Morgen. Zudem ist es eine Zeit, in der ich sicher sein kann, dass ich im Freien so gut wie niemandem begegne. Und tatsächlich: Mir sind in den letzten zwei Wochen vielleicht gerade mal 5 Menschen begegnet. Alle schläft noch und das ist gut. Ich stehe also auf (ja, auch an den Feiertagen), mache mir einen Kaffee, ziehe mich warm an und trete hinaus in die kalte Dunkelheit. Mein Ziel: Ich will die Wahrnehmung trainieren. Einfach da sein. Ziellos umherschlendern. Anschauen. Hören. Und lernen, das Feuerwerk in meinem Kopf nicht so wichtig zu nehmen. Und Eines kann ich verraten: Es funktioniert! Wahrnehmung kann trainiert werden. Ich darf sehen, was ist und mein innerer Blick klärt sich. Das, glaube ich, ist eine wichtige Grundlage für das Gebet in jedweder Form. Hier bestelle ich den Acker, auf welchem weiteres Geistliches wachsen kann. Deswegen hier ein paar „Funken aus der Dunkelheit“: wintry-2068298_1280

TAG 1: Es ist ein seltsames Gefühl. Gar nicht mal so sehr das „Im Hier und Jetzt Sein“ oder die Wahrnehmung an sich oder die Einstellung, dass alles so sein darf, wie es ist, sondern die fremde Welt im Dunkeln, weil das Licht und die Farben fehlen. Meine Wahrnehmung lenkt sich fast automatisch dem Mond und den Bäumen mit ihren kahlen Ästen zu, die in den Himmel steigen.

TAG 2: Ich genieße die Gerüche und Geräusche um mich herum, Luft, die nach Schnee rieht, meine Schritte auf dem Asphalt, die entfernte Autobahn. Allerdings gibt es auch Dinge, die mich stören: die vielen hellen Lichter, Straßenlaternen, die innere Stimme, die nach dem Sinn des Ganzen fragt. Ich suche eine Stelle, die möglichst dunkel ist.

TAG 3: Ich kämpfe (nicht zum letzten Mal) mit der Müdigkeit. Es fällt mir schwer, konzentriert zu bleiben. Meine Gedanken schweifen ab, doch trotzdem komme ich immer wieder in die Wahrnehmung zurück.

TAG 4: Ich spaziere durch den Regen. Ich merke wieder, wie voll mein Inneres ist, wie laut die Stimmen sind. Ich nehme Gefühle war: Angst, Traurigkeit, Ausgeliefert sein und dann plötzlich- Frieden. Ich erlebe diese Stunde als eine Stunde des Wartens (ach ja, es ist ja auch Adventszeit…)

TAG 5: Ich habe gelernt, die Lichter der Großstadt als zugehörig anzunehmen und sie nicht abzulehnen.

TAG 6: Es ist Heiligabend. Es hat sich in mir ein Streitgespräch entwickelt: Ich gegen den Geist der Stadt, des Konsums, der Werbung… Trotzdem versuche ich, meinen Fokus immer wieder auf die Wahrnehmung zurück zu bringen.

TAG 7: Ich erlebe die Zeit als angenehm. Ich schlendere einfach und Vieles kommt mir schon vertraut vor. Ich kenne die Bäume, den Weg, den Spielplatz, den ich regelmäßig aufsuche. Es ist mir, als seien sie mir zu Freunden geworden.

TAG 8: Ich bin müde und der Rücken tut mir weh. In dem Augenblick, in dem ich diesen „Mangel“ als zu mir gehörend wahrnehme, fällt etwas ab von mir. Meine Schultern entspannen sich, mein Schritt wird langsamer, ich atme befreiter.

TAG 9: Ich hab ihn gefunden, den Ort der absoluten Dunkelheit (abgesehen von der allgemeinen Lichtverschmutzung am Stadthimmel). Ein paar Fahrradminuten entfernt liegt ein Park mit einem See und einem Wäldchen.Es gibt dort die Stelle, an der ich tatsächlich keine künstliche Lichtquelle sehe. Und das in der Großstadt! Ich liege auf einer Tischtennisplatte und schaue in den Himmel. Tiefe Ruhe breitet sich in mir aus. Es ist gut so.

TAG 11: Immer wieder kommt dieser Gedanke in mir auf, doch unbedingt „etwas erreichen zu müssen“. Schade eigentlich.

TAG 12: Die letzten Tage. Meine Touren um den See werden immer ausgedehnter. Ich freue mich an neuen Dingen, die ich im Dämmerlicht sehen kann. Vieles kommt mir bekannt vor, ich begrüße Bäume, Weg und Wasser. Irgendwie ist es aber auch schon wieder ein Abschied.

TAG 13: Immer, wenn ich den Park verlasse, tue ich das mit einer großen inneren Ruhe, Frieden und einer gespannten Erwartung, was noch kommt. Ich bin motiviert, obwohl ich weiß, dass der Tag laut und schnell werden wird. Aber es ist mir, als trete ich heraus aus einem „Heiligtum“ und der Welt entgegen mit einem stillen und geklärten Gefühl.

TAG 14: Es ist Neujahr. Der erste Tag des neuen Jahres. Der Weg liegt vor mir. Ein erster Schritt ist getan. Ich bin irgendwie stolz und erleichtert. Es fühlt sich gut an.

Diese Stunde im Dunkeln hat meine morgendliche Gebetszeit erst einmal ersetzt. Ich weiß, es hat mir gutgetan, die Wahrnehmung zu trainieren, immer wieder zu ihr zurückzukehren und mir zu erlauben, einfach nur zu sein und zu merken: Gott ist im Augenblick und ich kann es auch sein. Der Boden des Ackers ist bestellt. Hier kann ein Same darauf fallen. Hier kann Gott sein Wort hineinsprechen. Hier entsteht Wachstum. Viel zu oft rede ich über die Stille. Ich bin dankbar, diese Stille erfahren zu dürfen und bin gespannt auf den nächsten Schritt. Die Reise geht weiter.

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/winterlandschaft-berg-schnee-2068298/

 

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