Frucht der Wüste – 5 Erfahrungen nach einem Jahr kontemplativer Exerzitien im Alltag

Das Jahr ist fast vorüber. Und was für ein Jahr! So viel ist geschehen in mir und um mich herum.
Zwölf Monate lang habe ich zum zweiten Mal den Fokus meines geistlichen Lebens auf die Durchführung kontemplativer Exerzitien gelegt. Inmitten des Alltags, der Familie und des Berufs. Diese geistliche Reise möchte ich anhand von 5 Erfahrungen beschreiben, die deutlich machen, welchen Wert das kontemplative Gebet (auf deutsch: das stille Gebet, Schweigen vor Gott, auch Herzensgebet oder schauendes Gebet) haben kann. Gleichzeitig ist es mir wichtig, diese Form christlicher Meditation vom Generalverdacht der Esoterik oder der Religionsvermischung reinzuwaschen.

  1. Der Weg in die Kontemplation beginnt mit der Sehnsucht nach Gott.
    Vor einem Jahr habe ich diese Sehnsucht für mich erneut formuliert. Sie taucht seit ein paar Jahren regelmäßig auf, manchmal mehrmals im Jahr oder auch in kurzen Abständen. Ich glaube, Sehnsucht nach Gott ist ein Indiz für ein weiches Herz und einen lebendigen Glauben. Wer die Sehnsucht nicht kennt, ist geistlich tot. Mit dem Hunger fängt alles an. Und damit meine ich nicht den Hunger nach Gottes Taten, seinen Wundern oder mehr erhörten Gebeten. Es ist vielmehr der Hunger nach seinem Herzen, der sich danach sehnt, ihn besser zu kennen. Diese Erkenntnis ist eine Erkenntnis der Herzen und nicht zuerst des Verstandes. Sie drückt sich aus mit den Worten des jungen Mädchens „Ich bin krank vor Liebe“ (Hoheslied 5, 8) wie der endzeitlichen Braut „Komm, Herr Jesus!“ (Off. 20, 17). 
  2. Exerzitien sind Wüstenerfahrungen, die kostbare Früchte hervorbringen.
    Seit langem schon bewegt mich Gottes Wort aus Hosea 2, dass er sein Volk in die Wüste locken möchte, um ihm dort zu Herzen zu reden (andere Übersetzungen: freundlich reden). Nein, Wüstenzeiten sind nicht immer angenehm. Exerzitien ebenfalls nicht. Viele Wochen habe ich damit verbracht, die scheinbar „sinnlose“ Wahrnehmung von Körper und Atem auszuhalten und den explodierenden Stimmen in meinem Kopf nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, und statt dessen mein Herz wieder und wieder in die Gegenwart Gottes zurückzubringen (Franz v. Sales). Es ist schmerzhaft, Dingen zu begegnen, die in der Tiefe schlummern und sichtbar werden, wenn die Oberfläche allmählich still wird. Und doch spricht Gott in der Stille. Meistens zart und vorsichtig und in Form einer ständig wachsenden Gewissheit des Glaubens. Ich werde von IHM (an)gesehen und darf unter SEINEM Blick sein. Dadurch schenkt mir Gott die Gnade, ihn wiederum mit den Augen des Herzens zu sehen. Der Schleier lüftet sich und sein Wesen wird sichtbar. Allmählich zwar, nicht immer gleich, doch beständig. Über die Zeit wachsen dadurch die Früchte Glaube, Hoffnung und Liebe.
  3. Schauen auf Christus wird zur Grundlage des Denkens und Handelns.
    Damit wird Christus zur Triebfeder eines kontemplativen Lebensstils, dessen Rhythmus das tägliche Gebet ist. Es ziehen Gelassenheit und Achtsamkeit in den Alltag ein. Der Wert menschlicher Begegnungen, Natur, Kunst und Musik steigt.

    Wer die Stille lieben gelernt hat, fühlt das Diktat der schnellen Welt umso stärker und sucht nach Auswegen.

    Als extrovertierter Mensch, der die Bühne liebt und nie Langeweile hat, sondern sehr initiativ ist, habe ich gelernt, meinen Alltag zu entschleunigen, meine Grenzen wahr und die Signale meines Körpers ernst zu nehmen. Ich durfte erfahren, wie befreiend ein Leben ist, das aus dem Sein und nicht länger aus dem Tun funktioniert. Meine Identität steht und fällt nicht mit meiner Leistung, sondern mit dem, was Gott über mich und zu mir sagt. Seine Worte sind Leben und ihm nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73, 28).

  4. Christliche Meditation ist auf Christus ausgerichtet.
    Löst sie sich davon ab, verliert sie jeden Anspruch, christlich zu sein. Wer sich im stillen Gebet auf Christus ausrichtet, wird beschenkt mit Freude an ihm, seinem Wort und seiner Gemeinde. Kontemplatives Gebet hat weder den Anspruch, sich durch Verdienst und Werke irgendwie geistlich „hinaufzuarbeiten“ oder gar die Gnade Gottes zu verdienen. Dem Beter geht es auch nicht darum, leer zu werden oder zu sich selbst zu finden. Christus ist alleiniges Ziel des Gebets – auf IHN ist alles Sehnen, Trachten und Wollen ausgerichtet und ER beschenkt in seiner Gnade und Treue und füllt die leeren Hände dessen, der sie ihm darreicht.
  5. Kontemplatives Gebet weckt Lust auf mehr.
    Das stille Gebet ist nicht die einzige Gebetsform und auch nicht die beste/geistlichste/heiligste/fortgeschrittenste… So habe ich im letzten Jahr natürlich nicht das Bibellesen, Anbetung und Fürbitte aufgegeben. Im Gegenteil. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich musikalische Anbetung und Fürbitte liebe, z.B. mit dem Harp+Bowl- Modell. Gleichzeitig wurde das stille Gebet die Grundlage für alles weitere. Aus der Stille erwachsen Anbetung und Fürbitte. Die Stille legt den Nährboden für das Bibelstudium und ich habe große Freude, Passagen der Heiligen Schrift auswendig zu lernen, zu studieren und über mehrere Wochen hinweg zu meditieren (s. Fotos). Und doch kehre ich immer wieder in die Stille zurück, als sei sie der Ort, wo ich Gott am nächsten sein kann, weil alles Andere schweigt. Wenn mein Herz auf die Suche nach seinem Herzen geht, sind dies Momente tiefster Intimität.

So werde ich auch im kommenden Jahr nicht aufhören, Gott in der Stille zu suchen oder regelmäßig zu fasten. Die Wüste lebt – das ist meine tiefste Überzeugung. Gleichwohl es ein harter Weg ist, möchte ich ihn unbedingt empfehlen. Ganz bestimmt ist er nicht für jeden, aber für weit mehr Christen, als sich zugestehen würden. So oft begegne ich Menschen, die sich nach einer Gotteserfahrung sehnen oder sich wünschen, dass die Liebe Gottes endlich vom Kopf in ihr Herz rutscht. Viele haben zu kämpfen mit Lieblingssünden oder wünschen sich Wachstum ins Glauben. Dabei offenbart die Frage nach ihrem Gebetsleben oft einen wunden Punkt und manchmal kommt sogar ein gewisser Fatalismus durch („Gott zeigt sich doch, wie er will, ich kann doch gar nichts dazu tun!“). Ich glaube, dass dies eine falsche Sicht auf die Souveränität Gottes ist. Ja – Gotteserkenntnis ist eine Gnade und ein Wirken des Heiligen Geistes. Aber es gilt auch Gottes Versprechen: „Wer mich sucht, von dem will ich mich finden lassen“ (Jeremia 29, 13). Beter sind Gottsucher. Zuallererst. Ihnen geht es darum, mit jeder Faser auszurufen: Ich will mehr von dir, Gott! Beter strecken ihre Hände empor und offenbaren ihr Herz. Sie sind bereit, Zeit zu verbringen im „Haus des Herrn“ um ihn zu finden. Glauben wir wirklich, Gott spielt Verstecken mit ihnen? Ich bin überzeugt: In der Intimität mit Jesus in Stille und Gebet liegt der Schlüssel zur Zukunft meines Lebens als Christ und der Zukunft der Kirche. Doch das wird ein anderer Artikel sein.

Wenn du mehr über ein Leben aus der Intimität mit Jesus erfahren möchtest, empfehle ich dir das Buch von Rainer Harter mit dem Titel „Intimität mit Gott – wie wir zum wahren Leben finden.“

Bildnachweise: Frank Laffin, privat

2 Kommentare zu „Frucht der Wüste – 5 Erfahrungen nach einem Jahr kontemplativer Exerzitien im Alltag

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  1. Vielen Dank für diesen Blog. Ich habe das kontemplative Gebet auch sehr zu schätzen gelernt. Es hat meinen scheintoten Glauben wieder mit Leben von innen gefüllt und mich von der Kopflastigkeit befreit. Schade finde ich, dass viele Christen diese eigentlich uralte christliche Tradition nicht kennen oder dann mit Vorurteilen reagieren („Bist du jetzt Buddhist geworden?“).

    „Die Stille ist Gottes Muttersprache. Alles andere ist eine schlechte Übersetzung.“ (Thomas Keating)

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    1. Hallo, Bravesoul, es freut mich, wenn Dir dieser Blog gefällt! Tja, das mit den allgemeinen Vorwürfen kenne ich gut. Und kommt das nicht von ungefähr und bestimmt ist immer mal wieder Vorsicht angesagt. Aber ich habe den Eindruck, dass er oftmals durch eine innere Angst begründet ist, die sich ernährt aus dem Unwissen bzw. die eigenen (Wohlfühlen)Grenzen versucht zu behaupten.

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