„Schatz, meine Mutter kommt!“

Ist der christliche Schwiegermutterkomplex ein Zeichen für geistliches Vakuum?

Es wird viel lamentiert in Christianopolis (1) und ich gehöre auch dazu. Ich gestehe. Das Wehklagen ist nicht zu überhören über den Zustand der Kirche allgemein oder die Gläubigen von Denomination X im besonderen. Von der Misere unserer Gesellschaft ganz zu schweigen. Und während man zum einen gern mit dem Anklagefinger auf den Andersgläubigen zeigt (und häufig wahlweise katholische Kirche oder Pfingscharismatiker wechselnd mit liberalen Tendenzen mit Stumpf und Stil als Hure Babylon verdammt), eint die Kläger umso stärker die Trauer um unsere schlechte Welt. Und was sich anhört wie prophetische Rede, in welcher sich die zitierten Bibelstellen ausnehmen wie Hammerschläge auf die Nägel der Leitplanken zur Endzeit, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier oft genug nur das Große Lärmen stattfindet, eine Art Schwiegermutterkomplex, der gerne Kritik äußert, dabei jedoch stehen bleibt und keine echten Lösungsansätze bietet. Mir kommt es so vor, als ergingen sich insbesondere in Evangelikalien (2) im Aufdecken von Missständen, versäumten es aber, echte Hilfe zu bieten, diese persönlich wie auch auf Gemeindeebene zu beheben. Um es klar zu sagen: Mir reichen Aussagen nicht mehr wie: „Das Wort Gottes muss wieder in unverfälschter Klarheit verkündet werden“ (womit in der Regel gemeint ist, dass der Ruf zur Buße und Nachfolge deutlicher erschallen soll), oder: „Wir müssen zu den Soli der Reformation zurückkehren!“ Und dann? Ich bin mir nicht sicher, ob jeder Gläubige in der Lage ist, aus den Grundsätzen der Reformation eine lebendige Gottesbeziehung (das bedeutet für mich Spiritualität) abzuleiten. Es ist doch so: die Themen Bekehrung, Wort Gottes, Gnade und Rechtfertigung sind den allermeisten in unserer evangelikalen Welt bekannt. Verzeihung, wenn ich falsch liege, aber mir scheint das Problem woanders zu liegen. Wie gelingt es, die Menschen, die um die Wichtigkeit einer persönlichen Beziehung wissen, seine Gnade im Glauben annehmen und die Autorität der Bibel achten (was die Kernsätze der Reformation für mich abbildet), zu einer hingegebenen Nachfolge zu führen? Denn an dieser Stelle verstummen zu oft die Stimmen der Mahner. Ja, wir brauchen den klaren Ruf zur Bekehrung in unseren Gemeinden wieder, aber genauso deutlich muss uns klar gemacht werden, wie jemand, der Christ ist, auch Christ bleibt. Und hier wird das Große Lärmen zum Großen Schweigen. Anders ausgedrückt: Wir sind sehr gut im Aufdecken von Missständen. Aber wie gut sind wir wirklich im Aufzeigen der Lösungen? Oder um es mit Paulus zu fragen: „Wieviel Bemühen hat es bei euch bewirkt? Ruft es nur Verteidigung, Unwillen, Furcht oder auch Sehnsucht und Eifer hervor?“ (2. Korinther 7,11-12) 

Ich vermisse in der Härte christlicher Auseinandersetzung und im Ringen um Wahrheit die Freude am Hervorlocken der Sehnsucht. Diese erschöpft sich nämlich nicht in Ursachenforschung und Mängelanalyse, sondern zeigt Wege auf, wie die Wahrheit ins Herz und von da in die Hände und Beine, auf die Zunge und in die Gedanken kommt. Konkret: Viel wichtiger, als der Gemeinde ständig ihr Versagen vorzuhalten, ist es, ihr Möglichkeiten zu zeigen, zum lebendigen Glauben zurück zu finden. Dieser beginnt ohne Frage mit Buße und Umkehr, einem echten Bewusstsein für einen Neuanfang und wird danach fortgesetzt durch Schritte der Heiligung zu denen werbend eingeladen wird, ganz nach dem Motto „Komm und sieh!“ Dies hat dann auch viel weniger mit Gesetzlichkeit zu tun als vermutet, denn wie überall macht auch hier der Ton die Musik. Wer verwandelt werden möchte in das Bild der Herrlichkeit Jesu Christi (2. Kor. 3,18) ist nicht auf sich allein gestellt. Geistliche Veränderung ist weder Zufallsprodukt noch einigen Auserwählten vorbehalten, sondern erklärtes Ziel eines jeden Christen. Grund genug, sich mit konkreten Schritten geistlichen Wachstums zu beschäftigen, das John Piper so treffend als „fight for joy“ bezeichnet (3).

Vielleicht ist dies auch eine Mahnung an uns Schreiberlinge, Prediger, christliche Blogger und Facebook-Christen, uns mit den aus der eigenen Erfahrung geborenen Ratschlägen zu einer Jagd nach Freude zu ermutigen. Wie gerne möchte ich von Anderen lernen, was sie in ihrem geistlichen Alltag stark macht durch Erfahrungen mit Gebet und ihrem Umgang mit dem Wort Gottes. Jemandem, der mir auf diese Weise zuruft: „Komm und sieh!“, schenke ich gern mein Vertrauen und dem folge ich.

 

(1) Christianopolis ist der Titel einer 1619 geschriebenen Utopie des württembergischen Theologen Johann Valentin Andreaes, der in meiner Heimatstadt Herrenberg geboren wurde. Ich verwende den Titel an dieser Stelle um allgemein die christliche Welt zu beschreiben.

(2) Flucht aus Evangelikalien ist der Titel eines 2017 veröffentlichten Buches von Gofi Müller. Hier verwendet er den Titel „Evangelikalen“, um allgemein evangelisch-freikirchliche Kreise zu beschreiben, die eine bestimmte (evangelikale) Theologie eint.

(3) https://www.youtube.com/watch?v=PU6Xtf_jpOA&list=PLVVRTZL6sll0vwA6WvHhoQoYtrQp5VTU-

 

Bildnachweis: Hope House Press – Leather Diary Studio

 

Ein Kommentar zu „„Schatz, meine Mutter kommt!“

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  1. Ist der christliche Schwiegermutterkomplex ein Zeichen für geistliches Vakuum?

    Das würde ich bejahen. Der Artikel regt zum Nachdenken an und liefert gute Imluse zur Selbstreflexion.

    Meiner Meinung nach ist eine Ursache für geistliches Vakuum kein grundlegendes Problem von der Kanzel sondern der Herzenshaktung.
    Brennt mein Herz für Jesus und wenn ja, wie äußert sich das?
    Ich glaube, das es einen entscheidenden Unterschied gibt ob ich zum Gottesdienst gehe weil ich so viele tolle Freunde dort habe, oder weil es für mich ein Privileg geworden ist, sonntags meine Zeit in der Gemeinde mit Gott, meiner Familie und Freunden verbringen zu dürfen. Und es ist genau so auch eine andere Freude an dem was ich tue Frucht die wir ernten dürfen, wenn ich mich zu meiner Aufgabe/Gabe in der Gemeinde nicht verpflichtet fühle sondern es für mich erst keine Überlegung gibt, ob ich meinen Dienst tun sollte oder nicht.

    Unabhängig von Konfession und Gemeinde kommen wir als Menschen allerdings erst zu einer unbeschwertheit in unserem Dienst und Glaubensleben, wenn unser Herz brennt.
    Es sollte kein Pflichttermin sein Zeit mit Gott zu verbringen sondern ein (Herzens)wunsch immer mehr von ihm aufzusaugen. Durch mehr vom Herrn wird das Vakuum gefüllt mit lebendigem und unser Blick auf die anderen könnte dadurch verendert werden. Ich selbst ertappe mich auch oft genug dabei, dass ich gut keine Zeit in meinem Alltag einbaue, aber ich verstehe auch immer mehr, dass es keine Entscheidung ist, ob ich dieses himmlische Privileg wahrnehme oder nicht. Ich denke ich spreche auch für einige andere, wenn ich sage dass sich eine deutlich höhere Lebensqualität bemerkbar macht an Tagen, an denen man sich Zeit mit und für Gott nimmt.

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